Im Interview mit dem Ärztlichen Direktor Dr. Erwin Schwaighofer:
Frage: Wie war Ihre persönliche berufliche Laufbahn?
Antwort: Ich habe 1985 im LK Scheibbs als Turnusarzt begonnen, dann die Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie abgeschlossen. Das Fach der Allgemeinchirurgie war sehr komplex, wir haben z.B. auch Polypen, Mandeln und Phimosen operiert und Zahnextraktionen vor geplanten Zahnprothesen durchgeführt. Die Allgemeinchirurgie wurde erst später aufgesplittet. Dieses Wissen um die sorgfältige und schonende Behandlung von Weichteilen ist mir in der Orthopädie immer sehr zugute gekommen. So absolvierte ich im LK Zwettl die Ausbildung und schloss im Jahr 2002 als Facharzt für Orthopädie meine zweite Facharztausbildung ab. Somit wurde der Grundstein für die heutige 32-Bettenabteilung der Orthopädie und Traumatologie gelegt, welche als Fachschwerpunkt im Jahr 2005 gegründet wurde. Im Jahr 2017 habe ich dann zusätzlich zur Abteilungsleitung die Funktion des Ärztlichen Direktors übernommen.
Frage: Wie beschreiben Sie die wesentlichsten Unterschiede in der Ärzte-Ausbildung?
Antwort: Als ich als Mediziner begonnen habe, waren wir im gesamten Klinikum 8 Ärzte. Es war selbstverständlich, mehrere Tage durchgehend im Dienst zu sein, dabei haben wir wirklich viel gelernt. Das gibt es heute – dem Arbeitszeitgesetz sei Dank – nicht mehr. Heute braucht es mehr Zeit für Ausbildung und Routine. Die Ausbildung ist jedoch viel strukturierter, die Jungärztinnen und -ärzte sind extrem gut vorbereitet und bringen entsprechende Zusatzqualifikationen, wie Wissen um Gesprächsführung und Empathie, mit. Die LGA leistet als Dienstgeber sehr gute Unterstützung und bietet viele Serviceangebote. Durch die vielen Standorte der LGA stehen alle Möglichkeiten offen, im LK Scheibbs ist es jedoch am schönsten. Aktuell besteht unser Ärzteteam aus 89 Personen, viele davon arbeiten Teilzeit.
Frage: Wie konnte man sich den Aufenthalt aufgrund einer Hüft-OP in den Anfangszeiten vorstellen?
Dr. Schwaighofer: Die erste Hüftendoprothese wurde im Landesklinikum Scheibbs im Jahr 1983 eingesetzt, im Jahr 1991 folgte die erste Knieendoprothese. Hüftschaft und Hüftkopf waren in einem gefertigt und wurden mit Knochenzement einzementiert. Die OP dauerte ca. 3,5 Stunden und die Aufenthaltsdauer im Klinikum betrug drei Wochen. Operiert wurden nur über 75-Jährige mit dem Ziel, wieder halbwegs gehen zu können. Bis zum Jahr 2012 – vor Implementierung des Rapid Recovery Programms - betrug die Krankenhausaufenthaltsdauer nach einer Hüft-Totalendoprothese rund 14 Tage. Die stationäre Aufnahme für zu am Montag Operierende erfolgte am Freitag, es wurde eine Eigenblutbevorratung angelegt, die Mobilisierung erfolgte mit Teilbelastung (Krücken für sechs bis acht Wochen) und nur sehr zögerlich - 1. Tag nach OP: Sitzen, 2. Tag: Aufstehen, 3. Tag: Gehen. Mit der Operation wurden Drainagen gelegt sowie Schmerz- und Harnkatheter gelegt. Diese bargen eine weitere Sturz- und Verletzungsgefahr sowie Infektionsrisiken.
Frage: Woher kam die Idee, das Behandlungskonzept zu ändern?
Dr. Schwaighofer: Bereits Anfang der 2000er Jahre wurde über rasche postoperative Patientenmobilisierung in der Chirurgie berichtet. In skandinavischen Ländern sah man mobile Patienten nach großen abdominellen Eingriffen bereits nach wenigen Tagen körperlich höchst aktiv, beim z.B. Laubrechen. Im Oktober 2012 wurde die „Fast track hip and knee arthroplasty“ in einer Spezialausgabe der Acta Orthopaedica von Prof. Dr. Henrik Husted aus Kopenhagen in den Grundzügen wissenschaftlich abgesichert dargestellt und in Österreich wurde eine interessante Linzer Studie von Prof. Dr. Gombotz zum Blutkonservenverbrauch an unterschiedlichen orthopädischen Abteilungen veröffentlicht. Mit der Fa. BIOMET als Endoprothesenlieferanten hatten wir einen professionellen Partner, der die Implementierung von Fast-track Regimen unterstützte und zunächst für uns als Erstanwender kostenfreie Beratung bot. Das alles waren für mich ausreichend fundierte Gründe, um die Implementierung des Rapid Recovery Programms zu starten und wir bildeten eine Steuerungsgruppe mit Personen aller betroffenen Professionen.
Frage: Wie kann man sich eine so große Veränderung vorstellen?
Dr. Schwaighofer: Alle Maßnahmen zielen auf eine raschere und schmerzärmere Mobilisierung der Frischoperierten ab. Daran wirken viele Professionisten mit. Die Kerngruppe besteht aus Orthopädie, Anästhesie, Stationspflege und Physiotherapie. Darüber hinaus sind die Administration, Hygiene, das Entlassungsmanagement, das Qualitätsmanagement und die Präanästhesieambulanz beteiligt. Wir haben den Ist-Zustand erhoben und die notwendigen Veränderungen erarbeitet und laufend evaluiert.
Frage: Was wurde verändert?
Dr. Schwaighofer:Umgesetzt wurden präoperative, intraoperative und postoperative Maßnahmen. Dazu gehören z.B. die individuelle Aufklärung (Erwartungshaltung!), Anämieabklärung, Patientenschule und Infektionsprophylaxe. Während der OP wird eine modifizierte Spinal-/Allgemeinanästhesie angewendet und Hüft-Operationen durch den „vorderen Zugang“ durchgeführt (muskel- und gewebeschonend). Es werden keine Drainagen und Katheter verwendet, Blutsperren sind nicht notwendig. Postoperativ ist eine Frühmobilisierung und Vollbelastung mit der individuellen Schmerztherapie bereits am Tag der Operation möglich. Der geplante Entlassungstag ist schon vor dem Klinikaufenthalt bekannt (-> rascher Kur-Antritt).
Frage: Aus welchen Teilen besteht das Rapid Recovery Programm?
Antwort: Das Programm besteht aus vier Modulen (Patientenschule, Coachprinzip, Frühmobilisierung, Entlassungsplanung). Ziel ist eine rasche Mobilisierung und ehestmögliche Entlassung der Frischoperierten.
Die Module im Detail:
Modul Patientenschule: In der sogenannten Patientenschule werden alle Betroffenen, die in der darauffolgenden Woche eine geplante Hüft- oder Kniegelenksendoprothese erhalten, mit ihren Begleitpersonen eingeladen. Jeweils eine Mitarbeiterin oder Mitarbeiter der Pflege, Physiotherapie, Anästhesie und Orthopädie informieren ausführlich über den Behandlungsverlauf. Fragen und etwaige Ängste können offen angesprochen werden. Die Betroffenen werden mit realistischen Erwartungen auf die OP und die Zeit danach vorbereitet und aktiv zur eigenen Mitarbeit motiviert. Modul Coachprinzip: Auch die persönliche Begleitperson der Patientin/des Patienten wird in der Patientenschule intensiv informiert, wodurch diese in der Zeit rund um den geplanten Eingriff als persönlicher Coach zur Seite stehen kann. Nach der OP treffen sich die Frischoperierten, die sich bereits aus der Patientenschule kennen, auf der Station wieder. Die gegenseitige Motivation und Unterstützung der Gleichgesinnten soll zusätzlich helfen, schnell wieder mobil zu werden. Modul Frühmobilisierung: Durcheine effiziente Schmerztherapie soll eine möglichst frühzeitige, schmerzarme Mobilisation ermöglicht werden. Unter professioneller Anleitung wird es den Frischoperierten ermöglicht, nach wenigen Tagen wieder selbstständig mobil zu sein. Modul Entlassungsplanung: Etwa eine Woche nach der OP können die Betroffenen – sofern interdisziplinär festgelegte Entlassungskriterien erfüllt werden – die Klinik verlassen. Durch die rechtzeitige Planung (Entlassungstag wird schon vor der OP mitgeteilt) wird sichergestellt, dass es zu keinen Verzögerungen im Behandlungsablauf kommt.
Frage: Wie stellen Sie den Erfolg des Behandlungskonzeptes fest?
Antwort: Im Klinikum werden Blutbedarf, Infektionsrate und Patientenzufriedenheit erhoben, um die Ergebnisse laufend einer Evaluierung und Qualitätssicherung zu unterziehen. Unsere Orthopädie wurde von den Patientinnen und Patienten schon mehrmals als beste Abteilung des Landes bewertet. Alle Rapid Recovery Anwenderkliniken sind vernetzt, auf Wunsch auch weiter extern betreut und treffen sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch (vornehmlich Großkliniken in Berlin, Volmarstein, Bad Rappenau, Speising,…). Auf alle aktuellen Forschungserkenntnisse zur fast-track Therapie kann zugegriffen werden. Darüber hinaus finden jährliche Anwendertreffen statt und sind mit über 150 „Fast-track“ Kliniken weltweit vernetzt. Wir hatten auch Gastärzte aus Australien, England und Frankreich, die sich über unser Konzept informierten.
Frage: Wie viele Patientinnen und Patienten haben Sie operiert?
Antwort: Ich habe seit 2005 jährlich rund 450 Endoprothesen operiert, an drei Tagen die Woche täglich bis zu 6 Operationen vorgenommen. An den restlichen beiden Tagen verrichtete ich Dienst in der Ambulanz und begutachtete täglich ca. 120 Patientinnen und Patienten. Die OP-Dauer hängt von vielen Faktoren ab, der kürzeste Eingriff dauerte nur 35 Minuten. Viele zufriedene Patientinnen und Patienten sorgten für einen hervorragenden Ruf, welcher auch außerhalb von Österreich bekannt ist und es wurden auch Patientinnen und Patienten aus Madrid, London, Wien, Südtirol etc. bei mir vorstellig. Ich war stets bestrebt, meine Patientinnen und Patienten so zu behandeln, als wäre ich selbst Patient.
Frage: Ihre Pläne für die Zukunft?
Mein Vorsatz für die Zukunft ist, im Hier und Jetzt zu leben. Ich habe eine große Familie mit 7 Enkelkindern, gehe gerne wandern und Rad fahren und möchte wieder mehr Zeit der Musik widmen.
BILDTEXT: Der Ärztliche Direktor Dr. Erwin Schwaighofer blickt auf 39 Berufsjahre zurück.
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